Der Stress unserer Generation

 „Auf meinem Gymnasium hatten wir G8.“, sage ich. „Boah, das muss hart gewesen sein. Ich bin froh, dass wir noch G9 hatten.“, hörte ich von vielen Schülern anderer Schulen.
Denselben Lernstoff in acht Jahren Gymnasium, statt in neun Jahren zu schaffen, das geht? Ja es ging.
Es gab mehrere Jahre drei Mal in der Woche Nachmittagsunterricht, der Stoff wurde oftmals nur oberflächlich angekratzt, die Aufnahmefähigkeit der Schüler nahm in der 9. Stunde, im Sommer in glühender Hitze, dezent ab, aber ja, es ging. Anfangs dachte ich: „Super, dann bin ich ja ein Jahr früher fertig mit der Schule und kann früher anfangen, zu studieren.“ Der Schwabe spart an allem, auch an der Schulzeit, aber die Rechnung geht nicht auf. Gleich nach der Schule mit der Uni anfangen, und die paar freien Monate mit einem unbezahlten Pflichtpraktikum absitzen, damit man bloß keine Zeit verliert.
Ich bin diesem Fehldenken blind gefolgt.

Je früher du fertig mit allem bist, desto besser. Falsch.

Aber woher kommt dieses Denken?
Ab und zu sehe ich mir Stellenausschreibungen von Agenturen an.
Das Profil soll wie folgt aussehen: Ein Bachelor- aber am besten einen Masterabschluss, mindestens 2 Jahre Agenturerfahrung soll man haben und gleichzeitig soll man blutjung Anfang bis Mitte 20 in der Vollzeitarbeitswelt beginnen. Die 2 Jahre Agenturerfahrung soll man wahrscheinlich neben seinen Hausarbeiten in den Semesterferien in un- oder unterbezahlten Praktika erlangen.
Und da haben wir das perfekte Rezept für den Stress. Dieser ewig kapitalistische Gedanke, dass man immer schneller, besser und jünger als der andere sein muss. Einen „Allrounder“ wollen die Leute sehen.
Jung und dynamisch, flexibel und kreativ soll man sein. Ein Lückenloser Lebenslauf ist gefragt. Und an dieser Stelle frage ich mich, ob das in den früheren Generationen auch so war.
Ob es damals auch die Generation Praktikum gab?
Wenn nicht, wie konnten ältere Generationen den Tätigkeiten nachgehen, für die man heute diese Praktika braucht?

Betrachten wir nun das Studium.

Momentan kann ich nur für mich und meinen Bachelorstudiengang sprechen, aber ich habe das Gefühl, dass sechs Semester Regelstudienzeit und dementsprechende finanzielle Förderung etwas kurz sind.
Eine Dozentin sagte mal: „Wer seinen Bachelor in sechs Semestern macht, der hat entweder nicht richtig studiert oder nicht richtig gelebt.
“ Diesen Satz mag ich sehr, denn er sagt genau das aus, was ich meine. Ich habe nach sechs Semestern immer noch etwas das Gefühl, dass ich mir noch mehr aneignen muss, weil ich denke, dass ich noch nicht genug Basiswissen habe. Natürlich erweitert man sein Wissen auch erst, wenn man selbst außerhalb der Uni noch vertiefende Lektüre sucht.

Aber da sind wir schon bei meinem Nächsten Punkt: Die Zeit außerhalb der Uni.

Und ich spreche als Student der auf die finanzielle Förderung des Staates angewiesen ist.
Das heißt, es reicht zwar ganz gut, um die Miete zu zahlen, aber ein Nebenjob wird dann doch irgendwann notwendig sein.
Viele kellnern dann beispielsweise, weil es ja auch gutes Trinkgeld gibt, oder sind Babysitter. Gut, das Geld kommt ins Haus aber für den Lebenslauf ist das nichts.
Und da sind wir wieder beim Problem von oben angekommen. Hast du keinen Job in deinem Fachgebiet, muss man die praktische Erfahrung eben, Überraschung, durch Praktika machen. Es ist also ein Teufelskreis unter dem Zeitdruck von sechs Semestern.

Und wenn wir schon bei der Freizeit sind, dann wird die manchmal ganz schön vernachlässigt, wenn man diesem Idealprofil des Lebensweges folgen möchte, ob zur G8-Schul- oder Studienzeit. Man trifft seine Freunde weniger, kann seinen sportlichen Aktivitäten nicht mehr in vollem Maße nachgehen, man ist müde oder schlecht drauf, manche bekommen durch Stress gesundheitliche Probleme.
Natürlich kann man einen Nebenjob finden, der seinem Studiengebiet entspricht. Und natürlich gibt es auch die Möglichkeit eines Darlehens, wenn man sich diesem Zeitdruck von sechs Semestern nicht fügen, und man zusätzliche Schulden zu den Bafög-Rückzahlungen sammeln möchte.

Ich möchte hier nicht das Studium, die finanziellen Hilfsmittel oder die Tatsache, dass man ein Praktikum in einem Gebiet macht, wofür das Herz wirklich schlägt, kritisieren.

Ich bin sogar sehr dankbar, dass es gerade diese finanziellen Mittel gibt und die Studiengebühren abgeschafft wurden.

Ich kritisiere viel mehr das, was ich immer zunehmender bemerke: Ein Messen der Profile meiner Generation.
Wer hat die meisten Praktika gemacht und dazu noch eine ehrenamtliche Tätigkeit und ist am jüngsten und hat dazu noch die besseren Noten in der Uni und hat diese noch in so wenig Semestern wie möglich absolviert?
Mir ist schon öfters aufgefallen, dass sich Studenten aus dem achten Bachelorsemester für ihre Semesterzahl damit rechtfertigen, dass sie ja so viel nebenher machen. Aber ich finde diese Rechtfertigung gar nicht notwendig. In der Oberstufe haben die Lehrer uns gesagt, dass man gefasst sein muss, die Semester über der Regelstudienzeit gut begründen zu müssen. Klar, das ist verständlich, wenn die Semesterzahl exorbitante Maße annimmt, aber doch nicht im achten Semester.

„Damals in der Schule haben die Lehrer uns gesagt, dass …“ werdet ihr von mir noch in weiteren Artikeln hören. Jetzt bin ich in den letzten Zeilen, sehe, wie viele Hausarbeiten diesen Sommer auf mich warten, freue mich gleichzeitig auf meinen Urlaub und muss einsehen, dass ich bedauerlicherweise keine Zeit für ein vierwöchiges Praktikum zum Kaffeekochen habe.

von Konstanz,

Emilia Mikautsch

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