Über die Liebe zur Skulptur

[3] Raub der Proserpina, Bernini, Marmor, Rom
Es war in Rom, glaube ich, als ich die Liebe zur Skulptur entdeckte.
In Rom, während einer Studienfahrt zu meiner Schulzeit.
Vor dieser Fahrt war ich dreidimensionaler Kunst eher abgeneigt.
All die Versuche, eine ansehnliche Plastik im Kunstunterricht anzufertigen, scheiterten und endeten in jämmerlichen Tonwürsten.
Ich habe eingesehen, dass aus mir keine Bildhauerin wird.
Umso schöner ist es dafür, die Werke der großen Künstler auf sich wirken zu lassen und genießen zu können.

In der Villa Borghese habe ich atemberaubende Skulpturen gesehen.
Sehr detailreich und mit solch einer Hingabe bearbeitet, dass man meinen könnte, die Werke seien lebendig. Bernini hat es geschafft, eine Spannung in seinen Skulpturen zu erzeugen.
In den Gedanken des Betrachters spielt sich die Geschichte ab und trifft auf den Moment kurz vor dem Höhepunkt, der von der Skulptur dargestellt wird. Beim „Raub der Proserpina“ kann man den Schrei der Proserpina beinahe schon hören. Genau dieser Reiz, dass eben der Rest im Geiste des Betrachters vervollständigt wird, liebe ich in der Kunst.
Die Verzweiflung der Proserpina ist durch ihr leidendes Gesicht und ihren offenen Mund exzellent dargestellt.
Bei diesem Werk wird Marmor zu Fleisch: An der Stelle, an welcher Hades ihren Schenkel greift, um sie festzuhalten, damit er sie mit in die Unterwelt nehmen kann [1], scheint der Marmor weich zu sein, als wäre er aus Fleisch und Blut und man wünscht sich, die Körper anzufassen, um sich selbst nochmal zu vergewissern, ob die Augen nun getäuscht werden und es tatsächlich aus Stein ist.

Ich könnte diese Statuen eine Ewigkeit ansehen und hätte nicht genug.

Mittlerweile bevorzuge ich Statuen der Malerei.
Warum? Ein wichtiger Punkt ist für mich die Allansichtigkeit und die Lust, das Werk berühren zu wollen, weil es so lebendig und echt aussieht.
Hier spreche ich vor allem über die Skulpturen der Renaissance und des Barocks.
In den Kunstmuseen von Brüssel bin ich ebenfalls meiner Leidenschaft zur Skulptur nachgegangen.
Und an dieser Stelle muss ich die Anordnung der Skulpturen in den Räumlichkeiten sehr loben. Ich nehme die Treppe in die nächste Etage nach unten, und werde von einer nackten, bekrönten Frau auf einem zweiköpfigen Löwen sitzend, angefaucht. Bedauerlicherweise habe ich mir weder Künstler noch Titel des Werkes notiert.
Das Interessante ist: diese Statue wirkt nur richtig, wenn man sie von schräg oben sieht. Ich gehe nach unten, stelle mich vor die Skulptur und merke, die Spannung ist nicht mehr da.
Der Reiz und die Wirkung entstanden im ersten Moment des Anblicks, beim Hinabsteigen der Stufen, als ich die Emotionen der Statue direkt zu spüren bekam.

Einer der Bürger von Calais: Jean d’Aire/Der Mann mit dem Schlüssel, Rodin, Bronze, Brüssel

In einem weiteren Raum treffe ich auf einen der „Bürger von Calais“ von Rodin.
Er hat den Platz, den er verdient.
Er ist zwar nicht so detailliert und fein verarbeitet wie Berninis Marmorskulpturen, jedoch steht der Ausdruck und die Inszenierung im Vordergrund.
Mit strenger Miene blickt mich der „Mann mit dem Schlüssel“ an, dazu wirft er zwei enorme Schatten auf den Boden.
Eine Kälte überkommt mich.
Ehrfürchtig blicke ich die Statue an, verweile einen Moment und schreite mit einem doch unruhigen Gefühl weiter.

Nach meinem Museumsbesuch gehe ich weiter durch Brüssel und komme am Europäischen Parlament vorbei.
Vor den Türen steht eine weitere Skulptur: Europa.
Eine Frau die nach vorne sieht und in ihrer Hand das Euro-Zeichen hält.
In meinen Augen überzeugt sie nicht durch künstlerischer Feinheit oder Dynamik, wie die Werke Berninis.
Dennoch hat sie für mich eine enorme Kraft.
Ehrlich gesagt, wirkt sie sehr statisch auf mich und ist vermutlich dafür gedacht, frontal betrachtet zu werden.
Aber eins wird ersichtlich: Sie strahlt Stolz aus. Stolz, das Symbol für ein gemeinsames Europa und einer gemeinsamen Währung zu sein.
Meiner Meinung nach, steht sie nicht für sich, als individuelle Person, sondern für eine europäische Gemeinschaft, für dich und mich.

Europa, May Claerhout, Brüssel

Nach May Claerhout, der belgischen Künstlerin hinter „Europa“, werde ihre Statue als Frau, angelehnt an den Europa-Mythos der Antike, von einer Spirale von Männern und Frauen getragen, welche in eine dynamische Masse übergehe.
Die Frau hält in ihrer rechten Hand das europäische „E“, welches sowohl das Symbol des Euros als auch die Verbindungen zwischen aller europäischer Menschen und Nationen sei. [2]

Ich bin beeindruckt von der Vielfalt der Materialien und Stilrichtungen der Statuen.
Konnte ich die Werke der großen Meister im Museum nicht berühren und musste Abstand zu ihnen halten, ist es bei Claerhouts Statue genau das Gegenteil.
Ich kann jedem nur empfehlen, sich die Zeit zu nehmen, ein Werk in Ruhe zu betrachten und eine Statue, wenn möglich, zu umrunden, einen Verlauf oder eine Geschichte zu erkennen, die eine einzelne Statue erzählen kann und auch die kleinsten Details zu beachten und genießen zu lernen. Was drückt sie aus?
Welcher Moment ist dargestellt? Denn das schönste an der Kunst ist, wenn die Geschichte im Kopf des Betrachters weitergeht.

Emilia Mikautsch

[1] Metamorphosen – Ovid
[2] http://www.mayclaerhout.be/main.php?pagina=Europa&taal=engels (29.04.17, 14:25) [3] http://prometheus.uni-koeln.de/pandora/image/show/eichstaett_ubcb654b3a5b4378595a0e3918e15563b79bf4263f (29.04.17, 19:46)

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